Bericht in der NZZ vom 18.12.18

Dr. Alexander Amberg als Präsident der Aargauischen Zahnärztegesellschaft ZGA erklärt in folgendem Artikel der NZZ, wie Massnahmen gegen pfuschende Zahnärzte ergriffen werden können.

Es sind krasse Fehler, die in der Branche oder sogar öffentlich für Aufregung sorgen. So wie die Geschichte jenes Zahnarztes aus dem Kanton Aargau, der einem Patienten ein gebrauchtes Implantat eines anderen Kunden wieder ins Gebiss einsetzen wollte. Oder der Fall einer älteren Dame, über den die «Luzerner Zeitung» vor kurzem berichtete: Mehrere Zahnärzte versuchten der Frau trotz ihrem fortgeschrittenen Alter aufwendige Implantate im Wert von mehreren tausend Franken aufzuschwatzen. Die Patientin musste vehement auf eine einfache Wurzelbehandlung pochen, die schliesslich 700 Franken kostete und ihren Zweck ebenso gut erfüllt wie teure Implantate.

Bei der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz betreffen rund 10 Prozent der jährlich 3400 Anfragen mangelhafte, zu teure oder überflüssige Behandlungen durch Zahnmediziner. Die Anzahl der Beschwerden ist laut der SPO-Geschäftsführerin Barbara Züst seit Jahren konstant hoch. Eingesetzt hat die Flut von Reklamationen 2002. In diesem Jahr trat das Freizügigkeitsabkommen mit der EU in Kraft, und Zahnärzte mit einem Diplom eines EU-Staates konnten neu ohne weitere Prüfung in der Schweiz tätig sein. «Diese kennen die schweizerischen Gegebenheiten und Standards oft nur ungenügend. Wir erhalten regelmässig entsprechende Hinweise von Patientinnen und Patienten», sagt Barbara Hürlimann vom Aargauer Departement Gesundheit und Soziales, das für die Aufsicht und die Bewilligung im Bereich der Zahnmedizin verantwortlich ist.

Schwarze Schafe sind schwierig zu fassen

Bisher gab es keine konkreten Zahlen, die belegen, dass Zahnärzte mit ausländischen Diplomen unsorgfältiger arbeiten als ihre Schweizer Kollegen. Nun hat die Aargauer Sektion der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft SSO während zwei Jahren sämtliche Klagen von Patienten analysiert, die bei der Zahnärztlichen Begutachtungskommission eingingen. Das Ergebnis: Obwohl im Aargau deutlich weniger Zahnärzte mit ausländischen Diplomen tätig sind als Schweizer Zahnärzte, betrifft die Hälfte der Klagen gegen Nicht-SSO-Mitglieder Zahnärzte mit ausländischen Diplomen.

Viele dieser ausländischen Zahnmediziner praktizieren in grösseren Zahnarzt-Zentren, und entsprechend oft wird die Arbeit von solchen Gemeinschaftspraxen beanstandet. Hier sind die schwarzen Schafe besonders schwierig zu belangen, da Zahnärzte in solchen Zentren häufig eine Arbeitsbewilligung für drei Monate haben und dann weiterziehen. Die Gruppenpraxen übernehmen keine Haftung für nicht mehr bei ihnen tätige Zahnmediziner.

 

Mit diesen Erkenntnissen im Gepäck wandten sich die Zahnärzte vor kurzem an die Aargauer Gesundheitsdirektorin Franziska Roth (svp.). Nun hat die Intervention Folgen. «Die Aufgaben und Kompetenzen des Kantonszahnarztes werden erweitert, und diese Stelle soll in die kantonale Verwaltung eingegliedert werden», erklärt Barbara Hürlimann. Gegenwärtig ist der Kantonszahnarzt nur in einem Pensum von 10 Prozent angestellt, dieses soll auf 50 Prozent erhöht werden.

Um bei Nicht-SSO-Mitgliedern zu ihrem Recht zu kommen, müssen sich die Patienten in den meisten Kantonen an den jeweiligen Kantonszahnarzt wenden. Die Kantonszahnärzte sind häufig nur in kleinen Teilzeitpensen angestellt und haben zahlreiche weitere Aufgaben zu erfüllen. Peter Suter, Präsident der Vereinigung der Kantonszahnärzte der Schweiz, begrüsst dieses Vorgehen: «Eine solche Aufstockung ist wertvoll. Unzufriedene Patienten müssen eine Anlaufstelle haben, die auch tatsächlich Zeit hat und sich um ihre Anliegen kümmern kann. In vielen Kantonen ist dies leider bis jetzt nicht der Fall.»

Laut dem Aargauer SSO-Präsidenten Alexander Amberg soll ausserdem ein neues Bussenreglement für Nicht-SSO-Mitglieder erlassen und in gravierenden Fällen von Pfusch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden. «Ich hoffe, dass diese Massnahmen, die auf unsere Initiative zustande gekommen sind, als Signal für andere Kantone wirken», betont Amberg. Zudem stellt die SSO Aargau dem Kanton ihre Experten der Begutachtungskommission zur Verfügung.

Aus der Sicht von Züst ist es wichtig, dass sich sowohl die kantonalen Aufsichtsstellen wie auch die Verbandsgutachter der offiziellen Berufsvereinigung in den Dienst der betroffenen Patienten stellen. Generell stellt die Patientenschützerin fest, dass die Zahnärzte mit härteren Bandagen kämpfen, weil immer mehr Praxen Mühe haben, genügend Kunden zu finden.

Neuer obligatorischer Sprachtest

Der Weg zu einer strengeren Aufsicht muss tatsächlich über die Kantone laufen. In der Antwort auf ein Postulat des Genfer SP-Nationalrats Manuel Tornare hält der Bundesrat fest, dass die Schweiz aufgrund des Freizügigkeitsabkommens verpflichtet sei, richtlinienkonforme Diplome von Zahnärztinnen und Zahnärzten aus EU-Ländern anzuerkennen. Es gebe keine Studie, die Schlüsse darüber zulasse, ob in gewissen Staaten die Ausbildung tatsächlich nicht den Minimalanforderungen der entsprechenden EU-Richtlinie entspreche. Der Bund verweist jedoch auf das Bundesgesetz über
die universitären Medizinalberufe. Dieses gibt den Kantonen verschiedene Aufsichts- und Sanktionsmöglichkeiten bei der Überwachung der Berufsausübung in die Hand. Die Sanktionen reichen von der Verwarnung über Bussen von maximal 20 000 Franken bis hin zu einem befristeten oder einem definitiven Berufsverbot.

Für Alexander Amberg genügen härtere Sanktionen und die Stärkung des Kantonszahnarztes nicht. Er will, dass der Bund im Rahmen seiner Möglichkeiten zusätzliche Zulassungsbedingungen prüft, damit es gar nicht zu aufwendigen Sanktionsverfahren komme, die häufig im Sand verliefen. Seiner Ansicht nach müssten Zahnärzte mit einem ausländischen Diplom vor der Anerkennung drei Jahre praktische Arbeit in einer Weiterbildungsstätte nachweisen. Um Verständigungsprobleme zu vermeiden, solle die Schweiz einen Sprachtest einführen. «Andere Staaten wie etwa Deutschland verlangen solche Prüfungen und erreichen damit etwas. In Deutschland fallen rund 40 Prozent der Bewerber durch.»

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